Der Grill stinkt, die Hecke beim Nachbarn ist zu hoch und die Partys am Abend sind einfach immer zu laut – wenn aus vermeintlichen Kleinigkeiten eine große Sache wird, dann klingelt bestenfalls bei Marianne Becker irgendwann das Telefon. Sie ist Schiedsfrau, Hauptschiedsperson der Stadt Kaarst um genau zu sein, und seit zehn Jahren bei Streit unter Nachbarn auf der Suche nach Lösungen. „Sehr erfolgreich“, wie Bürgermeister Christian Horn-Heinemann anlässlich der Ehrung zum Jubiläum aus eigener Erfahrung als Rechtsanwalt zu berichten weiß.
Streit unter Nachbarn ist ein Dauerthema und würde die Gerichte ohne Schiedspersonen schnell lahmlegen. „Allein in den vergangenen zwei Wochen kamen sechs neue Fälle herein“, sagt Marianne Becker, die in den Ortsteilen Holzbüttgen, Büttgen, Vorst und Driesch schlichtet. Details zu den Fällen nennt sie natürlich nicht: Ihre Arbeit lebt vom gegenseitigen Vertrauen.
Diese Arbeit beginnt meistens damit, erst einmal zuzuhören. „Wenn die Menschen zu mir kommen, dann ist das Kind ja bereits in den Brunnen gefallen. Dann redet man vielleicht nicht mal mehr miteinander, das sind teilweise jahrelange Konflikte mit entsprechenden Verletzungen auf beiden Seiten. Das ist anders als bei einer Mediation in Unternehmen, wo man frühzeitiger agiert. Wer mich anruft, der will einfach nur endlich Recht bekommen“, erzählt Becker, die als Coach und Mediatorin auch privat zwischen Menschen vermittelt.
Recht spricht sie nicht, weder im Beruf, noch im Ehrenamt. „Ich bin kein Richter, das sage ich den Leuten auch sofort beim ersten Gespräch.“ Und im besten Fall kommt es gar nicht erst zu einem offiziellen Schiedsverfahren. Marianne Becker ist ein großer Fan vom „Tür-und-Angel-Geschäft“. Das ist unverbindlich, geht deutlicher schneller und manchmal reicht das schon: „In fast 50 Prozent der Fälle kann man so bereits eine Einigung erzielen. Dann reicht ein kurzes Vermittlungsgespräch oder eine kleine Beratung aus. So entstehen den Parteien auch keine Kosten.“
Wobei die Kosten des Schiedsamtes grundsätzlich sehr gering sind. Marianne Becker erhält eine Jahrespauschale von 600 Euro, stellt dafür ihr Haus als Amtssitz, ihr Auto und ihre Zeit zur Verfügung. Ein offizielles Schiedsverfahren kostet nach erfolgreichem Abschluss nicht mehr als 50 Euro. „Rechnet man den Stundensatz eines Anwalts dagegen, gibt es meine Dienste also praktisch umsonst“, sagt Becker und lacht. Sie begreift ihre Aufgabe als Ehrenamt, als Dienst an der Gesellschaft: „Die Arbeit mit den Menschen macht einfach unheimlich viel Spaß – trotz der Abgründe, in die man dabei manchmal schauen muss.“ Bis zum Ende ihrer Amtszeit 2029 möchte sie die Aufgabe auf jeden Fall fortsetzen: „Dann habe ich die 70 geknackt und dann ist es gut.“
Übrigens:
Die Stadt Kaarst sucht derzeit einen Nachfolger für die Schiedsperson in Kaarst. Infos dazu und zum Schiedsamt gibt es hier.